K.

Martha und die Ihren

von Lukas Hartmann, Diogenes Verlag

Die achtjährige Martha, wird nach dem Tod ihres Vaters als Hilfskraft an einen Bauernhof vermittelt. Familien ohne Ernährer blieb Ende des 19. Jahrhunderts keine andere Wahl. Zitat: „Die Kinder werden verdingt, auch das ist ein neues Wort für Martha. Später wird sie denken, dass das Wort ja stimmt, sie sind zu Dingen geworden.“

Die Kleine ist die letzte in der Hierarchie der Bauernfamilie. Sie hungert, friert, ist schutzlos. Nach der Schule arbeitet sie in einer Fabrik, entwickelt einen eisernen Willen weiterzukommen. Kein Platz für Gefühle, Empathie, Muße. Nur raus aus der Armut! Diese Kindheit hinterlässt gnadenlose Spuren.

Martha ist die Großmutter des Schriftstellers, der ein großes Thema über drei Generationen berührt: Großeltern, die den ersten Weltkrieg in ärmlichen Verhältnissen erlebten und dann die Härte, Ängste, den Zuwendungsmangel an ihre Kinder vererben. Bis hin zu den Enkeln. Zitat:

Bastian spürte eine Traurigkeit in sich, die er bisher nicht gekannt hatte … als ob eine Lebenslast der Großmutter Martha auf ihn übergegangen wäre“

Martha heiratet; nicht aus Liebe. Sie bekommt zwei Söhne, ihr Mann stirbt und sie kämpft eisern weiter. Durch den eigenen Weg kennt sie keine Muttergefühle. Auch bei den Söhnen stehen die großen Erwartungen schon vor der Tür. Stark sein, Vorankommen. Sie gehen daran selber fast zugrunde. Erst die Enkel stehen auf und wehren sich. Sie wollen ihren Wünschen und Zielen nachgehen. Lukas Herrmann ist verkörpert durch den Enkel Bastian, setzte sich mit seiner inzwischen hochbetagten Großmutter Martha auseinander, möchte Dinge verstehen, erfahren.

Martha stirbt so, wie sie gelebt hat. Ein Schicksal, das nie Nähe erlebt hat, zulassen konnte oder geschweige denn, geben konnte. Trotzdem erzählt Lukas Hermann diese Familiengeschichte ohne Vorwurf oder Härte. Ganz im Gegenteil. Man spürt die Aufarbeitung, dieses „verstehen wollen“ und Liebe, die vielleicht jetzt endlich Raum bekommt.